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Haus Z. 

2017, ein Projekt von Ines Marita Schärer und Julia Bodamer 

Publikation, Musikkompositionen, Videoprojektion

Ausstellungsansicht: Haus Z., Stadtgalerie Chur

Das Haus Zinsli, 1961 von Paul Gredinger in Chur gebaut, wird als wichtige Architektur der Nachkriegsmoderne eingestuft. Trotzdem ist im Jahr 2015 die Zukunft des Wohnhauses ungewiss. Ein Video von Ines Marita Schärer und Julia Bodamer, das den ursprünglichen Zustand des Hauses festhält, dient als Arbeitsmaterial und Ausgangspunkt für fünf SchriftstellerInnen und drei Musikerinnen. 

Es entsteht eine Publikation mit Texten von Stefanie Blaser, Werner Rohner, Fabian Saurer, Eva Seck und Levin Westermann, Kompositionen von Fatima Dunn, Anna Trauffer und Petra Ronner, sowie ein neues Video von Ines Marita Schärer und Julia Bodamer. Das ursprüngliche Video wird gelöscht.

„Das Haus Z. ist ein konkretes Haus, aber auch wieder nicht. Das Haus Z. ist kein konkretes Haus. Es ist das Haus aus den verschiedenen Fiktionen, welchen man in der Ausstellung begegnet: den Fiktionen in den Texten, den Fiktionen in den Audio-Kompositionen und im Video. Das Haus Z. existiert nur in diesen Fiktionen. Das Haus Z. ist ein fiktionaler Nachkomme eines konkreten Hauses. Das Haus Z. ist eine Abstraktion.

 

Das konkrete Haus würden einige Leute von Chur kennen. Das Haus steht noch, aber es wurde umgebaut: Das Haus hatte einen Pool, den es nicht mehr hat. Es hatte Umschwung, den hat es auch nicht mehr. Es hatte ein Zwischengeschoss mit einer Küche, die einer der fünf Erben als das introvertierte Herz des Hauses bezeichnet hat, dessen modernistisches Konzept ansonsten die Aufhebung der Trennung zwischen Aussen- und Innenbereich vorsah. Die Küche ist jetzt im Erdgeschoss. Das Haus ist ein Bau der Nachkriegsmoderne, das einzige Haus, das nach den Plänen von Paul Gredinger erstellt wurde. Gredinger war studierter Architekt, ein bisschen, dann Musiker, dann Grafiker. Lange war nicht klar, ob das Haus erhalten bleiben konnte, oder ob es einer neuen Überbauung weichen musste. Es ist noch da, aber verändert.

 

Als im Winter 2015 die Zukunft des Hauses ungewiss war, haben Julia Bodamer und Ines Marita Schärer in und um das Haus Aufnahmen gemacht. Aus den Aufnahmen schnitten sie ein nachdenkliches, ruhiges, strenges (wie die architektonische Moderne, die darin abgebildet ist) Video, das hier nicht zu sehen ist. In diesem Video nimmt das fiktive Haus Z. zum ersten Mal Form an: Ein gerade geleertes Haus im Winter kündigt eine Veränderung an, erzählt vom Stehengelassenwerden eines einst modernen Hauses, in welchem der Geist der modernistischen Aufbruchsstimmung nachweht. Danach taucht das Haus Z. in einer neuen Form, das visuelle Abbild verlassend, in fünf Texten auf: in den Texten von Stefanie Blaser, Werner Rohner, Fabian Saurer, Eva Seck und Levin Westermann. Die AutorInnen haben das Video visioniert und es sollte ihr einziger Zugang zum Haus bleiben. Auch in den meisten Texten sind die Themen des Verschwindens, Verlassenwerdens, der Veränderung, des Vergehens der Zeit angetönt. Hie und da blitzen in den Texten womöglich Bilder aus dem Video auf.

 

Noch anders fiktionalisiert, transformiert, abstrahiert oder konkretisiert erscheint das Haus Z. in den drei Kompositionen von Fatima Dunn, Anna Trauffer und Petra Ronner. Uns Besuchern der Ausstellung, bleibt es überlassen, aus den Klängen und Rhythmen die Architektur des Hauses Z. zu konstruieren. Jede BersucherIn imaginiert so ihre eigene Version des Hauses Z. Denn wie in den meisten Fiktionen, aber hier ganz besonders, ist es unsere eigene Vorstellungskraft, die in der Leerstelle, die das Nicht-Gezeigte offen lässt, die Welt der Fiktion mit-erdenkt. Solche Prozesse der Kollaboration an der Fiktion durch die Imagination oder der Nach-Konstruktion, die immer eine Entfernung zum Gezeigten zu überbrücken hat, sind ein Interesse, dem Julia Bodamer und Ines Marita Schärer in vielen ihrer Arbeiten nachgehen.

 

 

Häuser wie das Haus Z. gehören irgendwem, sie sind in Privatbesitz. Auch das konkrete Haus hat wieder neue Besitzer gefunden. Es mag gut sein, dass es nicht abgerissen werden musste, ein Zeugnis der Nachkriegsmoderne in Chur bleibt erhalten. Doch so wie sich das Ungewisse für eine Weile zumindest aus der Zukunft des Hauses verabschiedet hat, so hat sich auch das Fenster zum Fiktiven, das sich an der leerstehenden Architektur geöffnet hatte, wieder geschlossen. Ganz konkret verbietet es der (vielleicht berechtigte) Wunsch nach Privatsphäre der neuen Besitzer Aufnahmen des Hauses zu machen. Solche Aufnahmen müssen gestohlen werden und bleiben doch draussen. Aus „gestohlenen“ Aufnahmen, von der Strasse auf das Haus, haben Julia Bodamer und Ines Marita Schärer, ein zweites Video geschnitten, in dem eigentlich sehr wenig gezeigt wird, Ausschnitte, die Sicht auf eine Hülle, ein Stück Fassade vielleicht, erblickt durch eine zweite Hülle, die Hecke. Nur über das Blow-Up-Verfahren kommt man dem Haus näher. Doch dabei wird alles körniger, allgemeiner und abstrakter. Alles Konkrete ist von dem Haus ins Haus Z. umgesiedelt, dem von uns mit-imaginierten Haus.“

 

Gian-Andri Töndury, Text zur Ausstellung Haus Z.