Pas de deux

2013, HD Video, 6'09'', Farbe, ohne Ton, Loop

Schauspielerinnen: Meret Bodamer, Sarah Hostettler

Ausstellungsansicht: All I ever see is matchstick man and you, Weihnachtsausstellung, Kunsthalle Bern

„Pas de deux. Ein Tanz, ein Duett, ein Zusammenspiel, welches in der Videoarbeit von Julia Bodamer zwischen zwei Frauen in einem hellblauen Raum stattfindet. Anders als im Ballett, von wo die Bezeichnung stammt, bewegen sich die zwei Protagonistinnen in einem ruhigen, fast meditativen Tanz, der jede für sich zu machen scheint, ohne direkt auf ihr Gegenüber einzugehen. Eine seltsame Verbindung zwischen den Frauen ist dennoch klar ersichtlich: Sie sehen nicht nur ähnlich aus, auch tragen beide gelbe Mäntel und führen stets dieselben Bewegungen aus. Diese sind träumerisch, kindlich, manchmal so subtil, dass sie kaum zu erkennen sind, dann doch wieder seltsam vertraut. Das Spiel wirkt performativ und wirft die Frage auf, ob die zwei Frauen den Raum als Bühne verstehen. Eine Bühne, wo Realität und Fiktion kaum voneinander zu trennen sind. Zeitlich und räumlich parallel, leicht verschoben oder gespiegelt, die Choreographie lassen die zwei Frauen introvertiert individuell und doch eng miteinander verbunden erscheinen. Wie in Ingmar Bergmans Persona, auf den Pas de deux verweist, könnte man auch hier die Verschmelzung zweier Identitäten vermuten. Beachtet man die autobiografische Tatsache, dass Julia Bodamer ein Zwilling ist, liegt eine solche visuelle Untersuchung von Nähe, Verbundenheit und gleichzeitige Unabhängigkeit zweier so eng verwandter Personen auf der Hand. Doch anders als bei Bergman wird hier das narrative Moment von Emotionen weggelassen, stattdessen werden formale Eigenschaften betont. Die Figuren, sowie ihr Tanz wirken undurchschaubar, abstrakt, sind eine Auflösung in filmische Elemente von Farbe, Komposition und Bewegung. Dass der Video ohne Ton ist, unterstützt diesen Fokus auf das Visuelle und lässt der Arbeit eine weitere abstrakte Ebene zukommen. 

Dabei unterstützen Kamerabewegungen und -einstellungen den Fokus auf die medialen Eigenschaften von Film. In langsamen Fahrten bewegt sich die Kamera ins reine Blaue einer Wand des Raumes, um wieder an einem ganz anderen Ort im Bild aufzutauchen. Die Kamera scheint ein Eigenleben zu führen, distanziert und naht sich immer wieder ihrem Subjekt, den zwei Frauen. Durch diese auffallende Kamerafahrt, durch die das Bild der zwei sich bewegenden Figuren immer wieder unterbrochen wird, wird die Kamera selbst und so das Medium Film betont. In diesem Sinne findet ein zweites pas de deux in der Videoarbeit statt - zwischen Kamera und Subjekt, oder auch zwischen Medium und Inhalt der Arbeit. Durch einen unsichtbaren Schnitt im Blauen gelingt es Bodamer, Zeit und Raum aufzulösen. Der blaue Raum, der sowieso schon schwer fassbar ist und mehr wie eine Bildfläche wirkt, wandelt sich zu einem scheinbar sich ewig ausdehnenden Raum. Auch lässt die nicht-lineare Handlung der zwei Frauen kein Zeitgefühl zu und schafft vielmehr den Eindruck von einer fragmentierten oder verzerrten Chronologie. Der Loop, dass die Arbeit also kein wirklicher Anfang und kein Ende hat, betont diesen Aspekt von manipulierbarer Zeitlichkeit in Film. Zudem wird klar, wie auch schon in den repetitiven Bewegungen der Frauen erkennbar, dass Julia Bodamer Wiederholung als stilistisches Mittel braucht, um eine ganz bestimmte Stimmung zu schaffen.

Die Möglichkeiten des Medium Films werden in der Videoarbeit Pas de deux ausgelotet und aufgezeigt, wobei diese mit so hochästhetischen Mitteln geschieht – die abgestimmten Farben, die ruhigen Bewegungen, die schönen Frauen – dass der Betrachter doch immer wieder zwischen totaler Immersion und kritischer Aufmerksamkeit schwankt. So wird der Betrachter selbst in ein ewiges hin und her verwickelt. Sozusagen in ein weiteres pas de deux.“

 

Geraldine Tedder, Text zur Ausstellung All I ever see is matchstick man and you

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