Through the Looking Glass

2017, 4 Plakate je 128 x 268.5cm

Ausstellungsansicht: Felix-Project, Köniz

„FELIX ist streng. Man vermutet, dass er den Künstlerinnen und Künstlern, die hier ausstellen, nicht viele Freiheiten lässt. Die Vorgaben sind klar. Zwei Plakatwände, vorne und hinten. Vier Flächen im Weltformat. Nicht gerade der Rahmen, in dem man einen Film präsentieren kann. Nicht gerade der Platz, an dem man einen Film erwartet. Julia Bodamer macht es trotzdem und zeigt “Through the Looking Glass”, einen Film in Schwarz und Weiss, 16:9, mit unbekannter Filmdauer. Es ist ein Film, in dem die Erinnerung an vergangene Filme liegt. Ein Film, den es so noch nie gab, aber der die Logik der Filmgeschichte in sich trägt. Vielleicht ist es ein Stummfilm; vielleicht hört man eine Tonspur: Das Knacken der Dielen in dem Raum, in dem die Frau im weissen Strickpullover das Foto an der Wand betrachtet, das Klicken der Kamera, wenn die Frau hinterm Baum auf den Auslöser drückt, die Stille im Park, wenn die Frau im Trenchcoat weg läuft und schliesslich das Rascheln von Papier, das gebogen und gefaltet wird. Aber damit greife ich schon vor. 

 

Aufblende. Julia Bodamer studierte Fine Arts an der Hochschule der Künste in Bern. Die Welt der Filme dient ihr schon seit langem als Katalysator für ihre künstlerische Praxis, ebenso wie die Auseinandersetzung mit den digitalen Medien. Für FELIX drehte sie nun einen Film, den sie anschliessend auf sechzig Filmstills destilliert hat. Der Film existiert nun nur noch in dieser hochkonzentrierten Form von aneinander gereihten Einzelbildern. Ein schwarzes Frame steht sowohl an erster und an letzter Stelle in der Abfolge und markiert den Anfang und das Ende des Films. Die chronologische Abfolge ist damit klar vorgegeben, und auch die Leserichtung vor Ort, bei der man um die Plakatwände von FELIX herumgehen muss, um den Film von Anfang bis zum Ende sehen zu können. 

 

Zoom-In. Der Film beginnt mit einem Blick in den Spiegel, der im englischen, an Lewis Carroll angelehnten Titel auch als “looking glass” erwähnt wird. Mit der Kameraführung wird mein Blick über die Schulter einer Frau gelenkt. Ich sehe mit ihr ein Bild an der Wand hängen und fokussiere es. Einen Augenblick verliert sich das Bild in der Unschärfe, bevor ich feststelle, dass der Film die Erzählebene gewechselt hat und die Kamera in den Bildraum eingedrungen ist. Nun befinde ich mich mit der Frau in einem Park und sehe ihr dabei zu, wie sie eine davoneilende Frau im hellen Mantel fotografiert. Die Frau blickt kurz zurück, und die Fotografin versteckt sich hinter einem Baumstamm, bis die Frau im hellen Trenchcoat hinter den Bäumen verschwunden ist. Nun dreht sich auch die Fotografin um und läuft aus dem Bild. Mit jedem Frame, mit dem sie sich weiter von der Kamera entfernt, verliere ich die Sicherheit meiner Perspektive. Bis jetzt war klar, wem ich über die Schulter blicke oder wessen Blickwinkel ich einnehme. Zuerst war es die Betrachterin im Raum und dann die heimliche Fotografin im Park - aber was geschieht nun? Wer bin ich? 

Die Kameraführung ist im Film immer bewusst gewählt. Aus welcher Perspektive gefilmt wird, verrät den Zuschauerinnen und Zuschauern etwas über die Geschichte. Wenn man in einer Szene ein Ehepaar am Abend in der Küche streiten sieht, dann ist es wichtig, ob die Szene aus dem Wohnzimmer gefilmt wurde, wo vielleicht das Kind der beiden vor dem Fernseher sitzt, oder durch das Fenster von der Strasse aus, wo ein neugieriger Nachbar stehen könnte, oder der Liebhaber der Frau, oder – die klassische Steigerung – der Mörder! Der Blick wird durch die Kameraführung so geschickt gelenkt, dass man über Perspektive und Ausschnitt weit mehr vermittelt bekommt als die dargestellte Szene. 

 

Zoom-Out. Blickwinkel und Perspektive stehen auch im Film von Julia Bodamer an zentraler Stelle. Obwohl eine Reihe von Figuren auftreten – allesamt Frauen mit einem kurzen gelockten Bob – agieren sie nur für sich und treten nicht miteinander in Dialog. Stattdessen wird jede Frau - und ich mit ihr - zu einer Betrachterin, die von der nächsten abgelöst wird. Es ist ein Vorgang, der sich im letzten Teil des Films noch einmal wiederholt. Nachdem die Fotografin im Park verschwunden ist, zoomt die Kamera heraus und entlarvt den Bildausschnitt als Fotografie, die jemand in den Händen hält. Nun ist die Betrachterperspektive wieder hergestellt. Ich weiss, woran ich bin! Die Kamera lenkt meinen Blick mit dem Blick der Frau auf die Fotografie in ihren Händen. Sie betrachtet das Bild und schiebt es dann in einen Umschlag, den sie umdreht und glatt streicht. 

 

Abblende. FELIX ist streng, aber Julia Bodamer macht es sich auch nicht leicht. Während sie für „Through the Looking Glass“ Bewegtbilder in Standbilder verwandelt hat, schuf sie parallel eine Arbeit, die der umgekehrten Logik folgt. Für eine Ausstellung im Zürcher Helmhaus malte sie über mehrere Wochen in aufwendiger Fleissarbeit 3000 Einzelbilder, die sie anschliessend zu einem rund 2-minütigen Trickfilm zusammensetzte. Beide Werke handeln vom Film und beide Male schafft es Julia Bodamer – irgendwie – das Medium zu sprengen und  dabei gleichzeitig die Vorgaben einzuhalten.“ 

 

Rebecka Domig, Text zur Ausstellung Through the Looking Glass

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