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Where it might take place or where they used to dance

2016, 5-Kanal-Videoinstallation, Farbe, ohne Ton, Loop

Ausstellungsansicht: Where it might take place or where they used to dance, Kunstraum Kreuzlingen

Foto: Sebastian Stadler

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„Die Arbeit „Where it might take place or where they used to dance“ spielt mit unserer Wahrnehmung von Raum und Zeit, und lässt uns, erst vielleicht orientierungslos in das von Licht und Schatten durchflutete Tiefparterre des Kunstraums eintauchen. Der Wechsel vom strahlend weissen Saal im Obergeschoss zum rohen, dunklen, leicht modrigen Kellerraum ist ziemlich abrupt. Der dramaturgische Aufbau, der zur Installation führt, ist ein passender Auftakt. Immer wieder spielt die Künstlerin in ihrem Werk mit solch theatralischen Elementen, schafft einen Rahmen für Erzählungen, die den Betrachter wie in einem Sog miteinbezieht und ihn selbst erzählen lässt. Wir erinnern uns vielleicht an Entdeckungsreisen aus Kinderbüchern, Räume und Durchgänge, die in eine andere Welt führen. Wir werden aber auch auf unterschiedliche Ausstellungsräume aufmerksam gemacht – oben der White Cube, unten der Industriebau.

 

Mit der Gewöhnung unserer Augen an die neuen Lichtverhältnisse, geht die Entdeckung von einem Labyrinth aus Räumen, virtuell und real, einher. Fünf Projektionen zeigen weisse, leere Wände - Räume, die an uns vorbeiziehen. Die Räume sind schwer fassbar. Verschiedene Konstellationen scheinen sich ewig aneinanderzureihen. Sie bestehen temporär, ihr Merkmal, fix oder statisch zu sein, wird aufgehoben. Wir werden orientierungslos. Die kahlen, weissen Räume in der Videoarbeit kontrastieren mit einer warmen Swing-Melodie, die immer wieder verklingt, um nach Zeiten der Stille wieder aufzutauchen. Nicht nur unser Raumgefühl, auch unser Zeitgefühl gerät ins Wanken und ist vom repetitiven Rhythmus, vom Auf- und Abtauchen von Bild und Ton wie aufgehoben. Die Arbeit hat etwas Meditatives, ist anhaltend und ruhig, jedoch nicht ohne Brüche. Die unterschiedlich langen Sequenzen der einzelnen Filme schaffen immer wieder verschiedene Abläufe, mal passt die Einstellung zu der nebenan, mal sind sie ungleich. Der Ton klingt aus verschiedenen Ecken des Raumes, und weil er hallt, ist er nicht genau zu orten. Die Spuren überlagern sich teils, die Musik wird diffus. Und schwindet die Melodie, ist die Stille umso lauter. 

 

Tatsächlich sind die Räume, die wir sehen, kleine Modelle. Weil die Räume nie vollkommen gezeigt werden, kann dies nur geahnt werden. Die ununterbrochene Kamerafahrt ist nur scheinbar: Die Modelle wurden auf einer Drehscheibe platziert, mit einer fix installierten Kamera gefilmt und diverse Ausschnitte zusammengeschnitten. Das Ganze wird im Loop so gross projiziert, dass die Modelle wie räumliche Architekturen wirken. Die Arbeit ist eine Weiterentwicklung des Werks "Where it might take place", welches Julia Bodamer Anfang dieses Jahres im Kunst(Zeug)Haus Rapperswil zeigte. In der Installation dort nahm der Betrachter mehr oder weniger einen fixen Standpunkt ein und die Videoarbeiten wurden eher als zweidimensionales Bild wahrgenommen. Die Installation hier in Kreuzlingen nimmt den Raum noch mehr ein, die Architektur wird Teil davon. Das Licht der Projektionen reflektiert an den sechs Säulen, so dass sich das Spiel mit Licht und Schatten überträgt und der virtuelle Raum der Videoarbeit und der reale Ausstellungsraum ineinander zu verschmelzen scheinen. Und wir stehen mittendrin. Diese Effekte schafft Julia Bodamer, weil sie die Besonderheiten des Mediums Video zu nutzen weiss. Die auflösbaren Grenzen vom konkreten Raum, von physischen Bedingungen wie Zeit, werden durch die Technik des Mediums ausgelotet. Das Spiel mit der Skala, aber auch mit Bewegung und Licht, trägt zur Schaffung eines illusionistischen Raums bei.

 

Wieso sind die Räume leer? Es sind Lücken, die Bodamer schafft -  Möglichkeiten. Dieser Aspekt wird durch den Modellcharakter der Räume betont. Ein Modell ist Entwurf, Abbild, Platzhalter für die Wirklichkeit. Durch den Ton wird diese Leere bis zu einem gewissen Grad aufgehoben, eine Stimmung und die daran gekoppelten Bilder sind da. Doch was genau diese Bilder sind, wird jedem selbst überlassen. Die Projektionen werden zu einer Choreografie der Räume - lebendige Räume, denen Erinnerungen und Vorstellungen eingeschrieben sind. Das Konzept des Unheimlichen kann mit der Arbeit verbunden werden - Räume, die leben, sich ausdrücken, fühlen, die eine Desorientierung auslösen; kausale Zusammenhänge, die aufgelöst werden, die Vergangenheit heraufbeschwören. Von Angst zu reden bei dieser Arbeit wäre allerdings zu stark, viel eher hat das Werk etwas Mysteriöses. Der Titel der Arbeit drückt dieses Mysteriöse bereits aus: „Where it might take place or where they used to dance“. Er spricht von einer zukünftigen Möglichkeit -  hier könnte etwas stattfinden -  aber auch von Vergangenheit und Erinnerung. Die Arbeit wird zu einer Projektionsfläche für die eigene Fantasie. Zeitlichkeit, Imagination, Zauber - das sind alles Themen, die Julia Bodamer in ihren Werken immer wieder aufnimmt und die wir bereits in Titeln früherer Arbeiten erkennen. So zum Beispiel „Disappearing room“ oder „Früher war hier ein Zimmer, das Wartesaal hiess“ oder „What Alice found there“. Auch Ideen des Surrealismus liegen der Arbeit nahe: Das Obskure, die Idee, den Betrachter bis zu einem gewissen Grad durcheinanderzubringen, das Paradox von Realität und Traum aufzulösen und Fragen von Zusammenhängen zwischen Bild und Vorstellung aufzuwerfen. Anders als bei den Surrealisten schafft Bodamer das Bild aber nur begrenzt. Sie schafft den Rahmen für das Bild, und überlässt es der Vorstellung des Betrachters. Wir befinden uns gewissermassen auf einer Bühne und sind ihre Protagonisten.”

 

Geraldine Tedder, Einführungsrede zur Ausstellung Where it might take place or where they used to dance im Kunstraum Kreuzlingen